Viele Menschen berichten während und nach einer Krebstherapie über kognitive Beeinträchtigungen, wie beispielsweise Wortfindungsstörungen, Vergesslichkeit oder Konzentrationsproblemen. Dies kann die Bewältigung des Alltags erschweren und das Wohlbefinden der Betroffenen stark beeinträchtigen. Dieses Phänomen wurde 1995 im Kontext mit einer Chemotherapie beschrieben und erstmals der Begriff „Chemobrain“ (dt. Chemohirn) verwendet.1 Der wissenschaftliche Zusammenhang, dass die bei der Chemotherapie verwendeten Zytostatika Zellen im Gehirn schädigen können, schien durch Laborexperimente gesichert1. Doch so einfach ist es nicht. Befunde im Laufe der Zeit konnten zeigen, dass die Krebstherapie nicht die einzige Ursache für die kognitiven Beeinträchtigungen sein kann.2

Kognitive Beeinträchtigung durch Chemotherapie – der Schuldige scheint gefunden

Da viele Betroffene während und nach der Krebstherapie von kognitiven Beeinträchtigungen berichteten, war dies Anlass die Entstehung der Symptome genauer zu untersuchen. Zytostatika werden im Rahmen der Chemotherapie eingesetzt und bilden eine Substanzgruppe, die sich schnell vermehrenden Zellen, wie Tumorzellen, schädigt. Somit schienen Zytostatika als Auslöser für die kognitiven Symptome nach der Chemotherapie naheliegend.

Erste Untersuchungen bei Brustkrebspatientinnen schienen zunächst den Zusammenhang zwischen kognitiven Beeinträchtigungen und Chemotherapie zu bestätigen.3 Von einigen der eingesetzten Zytostatika gab es bereits Belege für eine neurotoxische Wirkung. Diese war aber in der Regel auf die peripheren Nerven, wie beispielsweise den Tast- oder Berührungssinn begrenzt und nicht auf die kognitiven Fähigkeiten bezogen.4 Laborexperimente lieferten Hinweise, dass Zytostatika auch bestimmte Zelltypen im Gehirn schädigen können. Hier muss man wissen, dass das Gehirngewebe aus mehr als einem Zelltyp besteht und die Nervenzellen selbst in den Laborexperimenten von der Schädigung nicht betroffen waren.4 Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Neubildung von Nervenzellen (Neurogenese) bei jungen Mäusen durch die Gabe von Zytostatika beeinträchtigt war.5 Neue Daten zeigen, dass im erwachsenen Gehirn eine Neurogenese, wenn überhaupt, nur in einem sehr geringeren Umfang stattfindet.6 Somit bleibt die Frage nach heutigen Kenntnisstand offen, ob diese Beobachtung für die Entwicklung der kognitiven Symptome bei erwachsenen Menschen tatsächlich relevant ist.

Bessere Methoden – neue Erkenntnisse

Die Diagnose einer milden kognitiven Beeinträchtigung ist nicht einfach. In den älteren Untersuchungen wurde die kognitive Beeinträchtigung nur zu einem Zeitpunkt während oder nach der Chemotherapie erhoben.

Standardisierte Verfahren sind jedoch notwendig, um valide Ergebnisse zu erhalten. Gerade in Bezug auf kognitive Fähigkeiten spielen Tagesform, Tageszeit und Ablenkung eine große Rolle und können die Ergebnisse verfälschen.7 Auch hat jeder Einzelne unterschiedliche Fähigkeiten und Grundvoraussetzungen. Nur ein individueller Ausgangswert ist daher wirklich in der Lage Veränderungen zu erfassen. Da verwundert es nicht, wenn die objektiv messbare kognitive Beeinträchtigung häufig nicht mit den von den Betroffenen subjektiv erlebten Beeinträchtigung übereinstimmt.8

Um die kognitiven Veränderungen besser zu beschreiben, wurden deshalb sogenannte prospektive Längsschnittstudien durchgeführt. In diesen Studien wurden die kognitiven Fähigkeiten regelmäßig vor, während und nach der Chemotherapie erhoben. Die Ergebnisse zeigten, dass ein Teil der Betroffenen bereits vor der Krebstherapie Beeinträchtigungen in den kognitiven Fähigkeiten aufweisen.1 Zusätzlich konnten die kognitiven Symptome auch bei Betroffenen beobachtet werden, die nicht mit Zytostatika im Rahmen der Chemotherapie behandelt worden sind.1

Diese Erkenntnisse machen deutlich, dass die Chemotherapie nicht als alleinige Ursache für die Entstehung der kognitiven Beeinträchtigungen in Frage kommt.

Kognitive Beeinträchtigung bei Krebserkrankungen – Es gibt nicht „die eine“ Ursache

Die Gründe für die Entstehung sind noch immer nicht vollständig identifiziert und verstanden. Seit Beschreibung der kognitiven Symptome wurden viele mögliche Ursachen diskutiert. Letztendlich scheinen die kognitiven Beeinträchtigungen durch ein komplexes Zusammenspiel unterschiedlichster Faktoren beeinflusst zu sein. Eine Übersicht über die Evidenz der wichtigsten diskutieren Hypothesen der Ursachen findest du hier:

Genetische Veranlagung

Da auch die Entstehung von Demenzerkrankungen mit genetischen Faktoren in Verbindung gebracht wird, scheint es naheliegend hier nach einem Zusammenhang zu suchen. Zum aktuellen Zeitpunkt gibt es allerdings keinen Beweis für diese Hypothese. Betroffene von kognitiven Symptomen nach einer Krebstherapie scheinen sogar ein besonders niedriges Risiko für die Entwicklung einer Demenzerkrankung aufzuweisen.7

Hormonelle Therapien

Die hormonelle Behandlung spielt insbesondere bei Brust- und Prostatakrebs eine Rolle. Viele Untersuchungen wurden durchgeführt, um den Einfluss eines veränderten Hormonhaushaltes auf die kognitiven Fähigkeiten zu untersuchen.9 Auf Grund der unterschiedlichen Methodik gibt es, wie bei den Untersuchungen zum Zusammenhang von kognitiven Beeinträchtigungen und Chemotherapie auch, widersprüchliche Ergebnisse. Eine ganzheitliche Betrachtung aller Daten lässt aber eher den Schluss zu, dass keine oder geringe Unterschiede in Bezug auf die kognitiven Fähigkeiten bei Betroffenen mit einer hormonellen Therapie festgestellt werden können.1

Psychosoziale Faktoren

Die Krebsdiagnose und Behandlung bedeuten für die Betroffenen und ihre Familien oft eine erhebliche psychische Belastung. So kommt es häufig vor, dass die Krebserkrankung neben den Nebenwirkungen der Therapie zusätzlich von Depressionen, Schlafstörungen und Fatique begleitet wird.9 Jede dieser Faktoren einzeln kann zu verminderter kognitiver Leistungsfähigkeit führen. Auch der durch psychische Belastung entstehende posttraumatische Stress kann die Arbeitsweise des Gehirns verändern und mit einer Beeinträchtigung der kognitiven Fähigkeiten assoziiert sein.1 Schlussendlich spielt die eigene psychische Verfassung und Erwartungshaltung eine wichtige Rolle bei der Wahrnehmung der Schwere der kognitiven Symptome.

Ausblick

Trotz der Tatsache, dass die Ursache für die kognitiven Beeinträchtigungen der Betroffenen nicht klar definiert werden kann, gibt es keinen Grund das subjektive Erleben nicht ernst zu nehmen. Im Gegenteil. Je nach Schweregrad und Symptomen sollte den Betroffenen gezielte Informationen und Maßnahmen zur Unterstützung angeboten werden, damit die verlorenen kognitiven Fähigkeiten wiedererlangt werden können.

Weiterführende Informationen

Hier bekommst du weitere Informationen zu Symptome sowie Tipps um den Alltag erfolgreich zu organisieren oder Techniken für Gedächtnistraining, die dabei helfen können, den Umgang mit den Symptomen zu erleichtern.

Melde dich im Newsletter an, um dein persönliches eBook zu dem Thema „Verminderte kognitive Leistungsfähigkeit nach Krebstherapie: Ursache, Symptome und Therapieansätze“ zu erhalten!

Hast du Fragen oder Feedback, die du gerne loswerden willst, dann schreibe uns eine Nachricht an [email protected]. Wir freuen uns auf deine Nachricht!

Quellen

  1. Hermelink K. „Chemobrain“? Beeinträchtigungen kognitiver Funktionen bei Mammakarzinompatientinnen; Geburtsh Frauenheilk 2019; 79.
  2. Dannecker N. Tumorassoziierte Fatigue und «Chemobrain»; GYNÄKOLOGIE 4/2018.
  3. Wieneke MH, Dienst ER. Neuropsychological assessment of cognitive functioning following chemotherapy for breast cancer. Psycho-Oncology 1995; 4:61-66
  4. Ni-Chun Chung, Adam K Walker, Haryana M Dhillon, Janette L Vardy; Mechanisms and Treatment for Cancer- and Chemotherapy-Related Cognitive Impairment in Survivors of Non-CNS Malignancies. Oncology (Williston Park) 2018 Dec 17;32(12):591-8.
  5. Seigers R, Schagen SB, Van Tellingen O, Dietrich J. Chemotherapy-related cognitive dysfunction: current animal studies and future directions. Brain Imaging Behav 2013 Dec;7(4):453-9. doi: 10.1007/s11682-013-9250-3
  6. Sorrells SF, Paredes MF, Cebrian-Silla A, Sandoval K, Qi D, Kelley KW, James D, Mayer S, Chang J, Auguste KI, Chang EF, Gutierrez AJ, Kriegstein AR, Mathern GW, Oldham MC, Huang EJ, Garcia-Verdugo JM, Yang Z, Alvarez-Buylla A. Human hippocampal neurogenesis drops sharply in children to undetectable levels in adults. Nature 2018 Mar 15;555(7696):377-381.
  7. Ahles, T. A., & Hurria, A. (2018). New Challenges in Psycho‐Oncology Research IV: Cognition and cancer: Conceptual and methodological issues and future directions [Editorial]. Psycho-Oncology, 27(1), 3–9.
  8. Bray VJ, Dhillon HM, Vardy JL. Systematic review of self-reported cognitive function in cancer patients following chemotherapy treatment. J Cancer Surv 2018 Aug;12(4):537-559.
  9. Országhová Z, Mego M and Chovanec M. Long-Term Cognitive Dysfunction in Cancer Survivors. Front. Mol. Biosci. 2021, 8:770413.

Oncura ist dein digitaler Begleiter in der Nachsorge

In nur 10 Minuten erhälst du ein individualisiertes Profil. Dies kann Dir dabei helfen, Deine Gesundheit und Lebensqualität in der Krebsnachsorge zu verbessern. Klicke hier, um den Fragebogen auszufüllen und Deine Nachsorge in die Hand zu nehmen.

Zum Fragebogen

Copyright © 2024 RoX Health. All rights reserved.