Konzentrationsschwierigkeiten sowie ein allgemeines Gefühl einer nachlassenden geistigen Leistungsfähigkeit können im Zusammenhang mit einer Krebsbehandlung auftreten. Diese kognitiven Symptome werden unter dem Begriff Chemobrain oder auch Chemonebel zusammengefasst und betreffen zumindest vorübergehend bis zu 7 von 10 Erkrankten1. Die Betroffenen berichten von einem Nebel im Kopf, der sie im Alltag vor große Herausforderungen stellt. Um die Auswirkungen greifbar zu machen, ist es wichtig zu verstehen, was sich hinter dem Begriff Chemobrain verbirgt.

„Nach der Behandlung ist nicht automatisch die Krankheitsbewältigung abgeschlossen“

gibt die PD Dr. Kerstin Hermelink, leitende Psychologin in der Klinik und Poliklinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe im LMU München, in einem Interview mit dem Ärztejournal zu bedenken2. Sie befasst sich seit Ihrer Doktorarbeit als Psychoonkologin mit dem Themengebiet Chemobrain. Die Früherkennung und Therapielandschaft zur Behandlung vieler Krebsarten haben sich in den letzten Jahrzehnten verbessert.

Die Genesungschancen sind bei einigen Tumorerkrankungen deutlich gestiegen. Immer mehr Patienten können daher nach intensiver und belastender Zeit der Diagnose und Therapie wieder mit guter Prognose entlassen werden. Die Erwartungshaltung der Betroffenen und deren Umfeld ist, dass diese wieder die gewohnten Rollen in der Familie und im Beruf ausfüllen.

Doch auch wenn der Körper sich bereits von der Krebstherapie erholt hat, kann die Psyche länger benötigen, die Belastungen der Krebsdiagnose und -therapie zu verarbeiten. „Kognitive Fähigkeiten“, so Hermelink, „sind vulnerabel“ und die Krebsdiagnose mit anschließender Behandlung bedeuten eine erhebliche körperliche und auch psychische Belastung.

Laut Hermelink kann die psychische Belastung sogar posttraumatischen Stress auslösen. Dieser kann auch die Ursache für Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen sowie allgemeine Einschränkungen in den geistigen Fähigkeiten sein, welche sich im Behandlungsverlauf oder nach der Therapie bemerkbar machen.

Chemobrain- (K)eine Konsequenz der Chemotherapie

Der Begriff Chemobrain wurde vor rund 20 Jahren geprägt als eine Reihe von Studien zu dem Thema Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme im Zusammenhang mit einer Chemotherapie veröffentlicht wurden3-5. Zu der damaligen Zeit war die Chemotherapie und/ oder Bestrahlung ein gesetzter Standard, um Tumorerkrankungen zu behandeln und es gab keine vergleichenden Untersuchungen, die andere Therapieansätze für Krebserkrankungen mit in Betracht zogen.

Ab 2005 wurden die ersten Untersuchungen veröffentlicht, die daran Zweifel aufkommen ließen, ob die verminderte geistige Leistungsfähigkeit wirklich immer mit einer Chemotherapie in Verbindung gebracht werden kann6-8.
Aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass auch andere Faktoren wie beispielsweise
hormonelle Veränderungen

  • Antikörper-basierte Therapien
  • Begleiterkrankungen
  • psychologische Aspekte wie Angst und Depression
  • genetische Veranlagung
  • posttraumatischer Stress
  • die Gehirnleistung beeinträchtigen können9-11.

Aus diesem Grund ist der verwendete Begriff Chemobrain für den Symptomkomplex der verminderten geistigen Leistungsfähigkeit laut den Experten nach dem heutigen Kenntnisstand nicht mehr zutreffend. Was aber auch immer die genaue Ursache ist, dass die Symptome im Zusammenhang mit Krebserkrankungen auftreten, ist unstrittig.

Eine Aufklärung wäre wünschenswert

Der Nebel im Kopf kann unterschiedliche Ausprägungen und Schweregrade haben.
Die Betroffenen berichten von Problemen bei Aspekten wieder:

  • Aufmerksamkeit
  • Konzentrationsfähigkeit
  • Denkprozesse
  • Gedächtnisleistung (insbesondere des Kurzzeitgedächtnisses)
  • Fähigkeit neue Dinge zu Lernen
  • Organisation und Durchführung von komplexen Aufgaben

Dabei muss die objektiv messbare Konzentrationsschwäche nicht unbedingt mit dem subjektiven Erleben übereinstimmen. Dies kann unter anderem daran liegen, dass die Betroffenen nach überstandener Therapie zu hohen Erwartungen an sich selbst stellen und Zweifel im Hinterkopf bestehen bleiben, für wie lange die Krebserkrankung überstanden ist.

Auch wenn objektiv die geistige Leistungsfähigkeit nur leicht vermindert ist, kann dies für die Betroffenen eine dramatische Auswirkung im psychischen Befinden bedeuten10,11. Die kognitiven Beeinträchtigungen werden auf Grund von immer weiter steigenden Zahlen an Langzeitüberlebenden in den nächsten Jahren aller Wahrscheinlichkeit nach weiter an Bedeutung gewinnen11.

Es bedarf daher im Vorfeld einer ärztlichen Aufklärung der potenziellen Symptome. Wichtig und beruhigend für die potentiell Betroffenen ist, dass es sich in den meisten Fällen nicht um eine dauerhafte Minderung der geistigen Leistungsfähigkeit handelt. Mit gezielten Therapien zur Bewältigung von posttraumatischemn Stress, Krankheitsbewältigungsstrategien sowie Gedächtnis- und Konzentrationstrainings können in der Regel die gewohnten kognitiven Fähigkeiten wiedergewonnen werden11.

Hier findest du weitere Informationen zu Ursachen und Symptome sowie gezielte Therapieansätze bei kognitiver Beeinträchtigung nach einer Krebstherapie.

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Quellen

  1. Treanor CJ, McMenamin UC, O’Neill RF, Cardwell CR, Clarke MJ, Cantwell MM, Donnelly M. Interventionen bei kognitiven Störungen aufgrund von nicht lokalisierten Krebstherapien, wie Chemotherapie oder Hormontherapie (2016) cochrane library
  2. https://www.aerztliches-journal.de/medizin/onkologie/mammakarzinom/das-leben-soll-trotz-krebs-moeglichst-gut-weiter-gehen/e8ca60d39540560e6e2a3fa2a528aaec/ , abgerufen am 14.07.2022
  3. S B Schagen 1, F S van Dam, M J Muller, W Boogerd, J Lindeboom, P F Bruning Cognitive deficits after postoperative adjuvant chemotherapy for breast carcinoma. Cancer 1999 Feb 1;85(3):640-50.
  4. C B Brezden 1, K A Phillips, M Abdolell, T Bunston, I F Tannock. Cognitive function in breast cancer patients receiving adjuvant chemotherapy. J Clin Oncol 2000 Jul;18(14):2695-701.
  5. Tim A Ahles 1, Andrew J Saykin, Charlotte T Furstenberg, Bernard Cole, Leila A Mott, Karen Skalla, Marie B Whedon, Sarah Bivens, Tara Mitchell, E Robert Greenberg, Peter M Silberfarb. Neuropsychologic impact of standard-dose systemic chemotherapy in long-term survivors of breast cancer and lymphoma. J Clin Oncol 2002 Jan 15;20(2):485-93.
  6. Kristine A. Donovan, Ph.D.,1 Brent J. Small, Ph.D.,1,2 Michael A. Andrykowski, Ph.D.,3 Frederick A. Schmitt, Ph.D.,4 Pamela Munster, M.D.,5 and Paul B. Jacobsen, Ph.D.1 Cognitive Functioning after Adjuvant Chemotherapy and/or Radiotherapy for Early-Stage Breast Carcinoma. Cancer. 2005 Dec 1; 104(11): 2499–2507.
  7. A Scherwath 1, A Mehnert, B Schleimer, L Schirmer, F Fehlauer, R Kreienberg, B Metzner, E Thiel, A R Zander, F Schulz-Kindermann, U Koch. Neuropsychological function in high-risk breast cancer survivors after stem-cell supported high-dose therapy versus standard-dose chemotherapy: evaluation of long-term treatment effects. Ann Oncol 2006 Mar;17(3):415-23.
  8. Eisho Yoshikawa 1, Yutaka Matsuoka, Masatoshi Inagaki, Tomohito Nakano, Tatsuo Akechi, Makoto Kobayakawa, Maiko Fujimori, Naoki Nakaya, Nobuya Akizuki, Shigeru Imoto, Koji Murakami, Yosuke Uchitomi. No adverse effects of adjuvant chemotherapy on hippocampal volume in Japanese breast cancer survivors. Breast Cancer Res Treat 2005 Jul;92(1):81-4.
  9. Arti Hurria 1, George Somlo, Tim Ahles. Renaming „chemobrain“. Cancer Invest 2007 Sep;25(6):373-7.
  10. Victoria J Bray 1, Haryana M Dhillon 2, Janette L Vardy. Systematic review of self-reported cognitive function in cancer patients following chemotherapy treatment. J Cancer Surviv 2018 Aug;12(4):537-559.
  11. Zuzana Országhová, Michal Mego, Michal Chovanec. Long-Term Cognitive Dysfunction in Cancer Survivors. Front Mol Biosci 2021 Dec 14;8:770413.

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